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© Brühl / Wikimedia Commons [gemeinfrei]
Artikel erstellt am 22.07.2011

Ein Begräbnis wurde zum Erlebnis

Wer heute am Sylter Strand spazieren geht, der findet Muscheln, Krebse und Seesterne. Früher hingegen spülte einem das Meer auch mal eine Leiche vor die Füße. 418 Tote zählte ein Chronist für den Zeitraum von 1600 bis 1870 an Sylts Stränden. Wenn es sich dabei nicht gerade um Sylter handelte, schenkte man den Toten kaum Beachtung. Sie blieben üblicherweise liegen, bis sie der Flugsand bedeckte. Das änderte sich erst, als 1855 in Westerland der “Friedhof der Heimatlosen” angelegt wurde. Dort fanden die Toten ihre letzte Ruhestätte.

Ein unbekannter Mann machte 1855 den Anfang. Bis 1905 wurden auf dem kleinen Friedhof 53 Wasserleichen bestattet. Auf den schlichten Holzkreuzen wurden lediglich der Zeitpunkt der Beerdigung und der Name des Ortes, an dessen Strand man den Toten gefunden hatte, vermerkt. Zu dem Pastor und den Sargträgern gesellten sich mit dem aufkeimenden Fremdenverkehr mehr und mehr Sommerfrischler, die hier ein ungewöhnliches Urlaubserlebnis suchten: “Heute Nachmittag wurde eine Leiche auf einem rasselnden Bauernwagen an den Friedhof geschafft, wo sich ein paar Hundert neugierige Menschen versammelt hatten. Herren in Strandschuhen, weißen Anzügen und bunten Mützen. Damen in Tenniskostümen, hellen Hüten und roten Sonnenschirmen. Darüber ein jubelnder Sommertag mit strahlendem Himmel. Wer es aus der Ferne sah, hätte meinen können, dass es sich um irgendein Fest im Freien handle”, schrieb ein Gast anno 1900 in sein Tagebuch.

Nachdem der “Friedhof der Heimatlosen” geschlossen worden war, wurden Wasserleichen auf den normalen Sylter Friedhöfen beerdigt. Dies war zum letzten Mal 1967 der Fall, als an der Alten Dorfkirche in Westerland ein Grab ausgehoben wurde. Der Tote konnte aufgrund eines Amuletts Monate später als ein norwegischer Seemann identifiziert werden, der zwischen dem Englischen Kanal und Helgoland über Bord gefallen war. Angehörige ließen den Sarg ausgraben und holten den Toten heim.